Der Innere Sichere Ort: Die kraftvollste Stabilisierungsübung Schritt für Schritt
Wie du dir einen inneren Zufluchtsort aufbaust, der dich jederzeit trägt – in der Therapie und im Alltag.
Einleitung: Warum der Innere Sichere Ort so wirksam ist
Es gibt wenige Übungen in der Psychotherapie, die so einfach klingen und gleichzeitig so tiefgreifend wirken wie die Imagination des Inneren Sicheren Ortes. Diese Übung gehört zum Standardrepertoire der Stabilisierungsphase in der Traumatherapie und wird in nahezu allen phasenorientierten Ansätzen eingesetzt – von EMDR über die Psychodynamisch-Imaginative Traumatherapie (PITT) bis zur ressourcenorientierten Arbeit.
Die Idee ist bestechend schlicht: Du stellst dir einen Ort vor, an dem du dich vollkommen sicher fühlst – und verankerst dieses Gefühl so tief in deinem Körper, dass du es jederzeit abrufen kannst.
Was einfach klingt, ist neurobiologisch hochgradig wirksam. Das Gehirn unterscheidet kaum zwischen einer lebhaft vorgestellten und einer real erlebten Erfahrung. Wenn du dir intensiv einen sicheren Ort vorstellst, aktiviert dein Nervensystem dieselben Beruhigungsmechanismen wie bei realer Sicherheit.
Dieser Artikel führt dich Schritt für Schritt durch den Aufbau, die Verankerung und die Anwendung des Inneren Sicheren Ortes – mit Varianten für verschiedene Altersgruppen und Tipps für häufige Schwierigkeiten.
1. Was ist der Innere Sichere Ort?
Der Innere Sichere Ort ist ein imaginierter Zufluchtsraum, den du dir in deiner Vorstellung aufbaust und jederzeit innerlich aufsuchen kannst. Er dient als emotionaler Anker – eine innere Ressource, die Sicherheit, Geborgenheit und Ruhe vermittelt.
Der Innere Sichere Ort ist kein Ort der Flucht. Er ist ein Ort der Stärke – ein Fundament, von dem aus du der Welt begegnen kannst.
Wichtige Merkmale:
- Er muss sich sicher anfühlen – nicht schön, nicht perfekt, sondern sicher
- Er kann real oder erfunden sein – eine Waldlichtung, ein Wolkenpalast, ein Baumhaus, ein Strand
- Er gehört nur dir – niemand hat Zugang, den du nicht ausdrücklich einlädst
- Er ist veränderbar – du kannst ihn jederzeit anpassen, erweitern oder umgestalten
- Er wird mit einem Anker verbunden – einem Codewort und einer Körpergeste, die den Zugang erleichtern
2. Die neurobiologische Grundlage: Warum Imagination wirkt
Warum funktioniert eine bloße Vorstellung so gut? Die Antwort liegt in der Art, wie unser Gehirn Informationen verarbeitet.
Die Amygdala unterscheidet nicht zwischen Vorstellung und Realität. Wenn du dir eine bedrohliche Situation vorstellst, steigt dein Herzschlag – obwohl keine reale Gefahr besteht. Umgekehrt gilt: Wenn du dir intensiv Sicherheit vorstellst, aktiviert dein Nervensystem die entsprechenden Beruhigungspfade.
Neurobiologisch passiert bei der Sicherer-Ort-Imagination Folgendes:
- Vagusnerv-Aktivierung: Das parasympathische Nervensystem wird angeregt, Herzfrequenz und Blutdruck sinken
- Oxytocin-Ausschüttung: Das Sicherheits- und Bindungshormon wird freigesetzt
- Cortisol-Reduktion: Stresshormone werden heruntergefahren
- Präfrontaler Kortex: Die Hirnregion für bewusstes Handeln und Entscheiden wird aktiviert – du gewinnst Steuerungsfähigkeit zurück
Je häufiger du die Übung durchführst, desto stärker werden die neuronalen Pfade. Nach einigen Wochen regelmäßiger Praxis reichen Codewort und Ankergeste aus, um innerhalb von Sekunden ein spürbares Sicherheitsgefühl auszulösen.
3. Schritt-für-Schritt-Anleitung: Den Sicheren Ort aufbauen
Vorbereitung
- Wähle einen ruhigen Moment, in dem du nicht gestört wirst (10-15 Minuten)
- Sitze bequem, die Füße fest auf dem Boden
- Stelle sicher, dass du dich im Moment einigermaßen sicher fühlst – die Übung sollte nicht in einem akuten Krisenzustand begonnen werden
- Wenn du die Übung zum ersten Mal machst, ist therapeutische Begleitung empfehlenswert
Schritt 1: Ankommen und Entspannen
Schließe die Augen oder senke den Blick. Atme drei Mal tief durch die Nase ein und durch den Mund aus. Mit jeder Ausatmung lässt du ein wenig mehr Anspannung los. Spüre den Kontakt deiner Füße zum Boden und deines Rückens zur Stuhllehne.
Schritt 2: Den Ort finden
Lasse ein Bild aufsteigen – einen Ort, an dem du dich sicher und geborgen fühlst. Lass dir Zeit. Vielleicht kommt sofort ein Bild, vielleicht dauert es einen Moment. Es kann sein:
- Ein Strand bei Sonnenuntergang
- Eine Hütte in den Bergen
- Ein Baumhaus im Wald
- Ein warmes Zimmer mit Kamin
- Ein Garten, umgeben von hohen Hecken
- Ein Wolkenbett hoch über der Welt
- Ein Unterwasserpalast aus Korallen
Es gibt keine falsche Wahl. Entscheidend ist: Der Ort fühlt sich sicher an.
Schritt 3: Den Ort mit allen Sinnen erleben
Nun erkundest du deinen Sicheren Ort mit allen fünf Sinnen:
Sehen: Was siehst du? Welche Farben dominieren? Wie ist das Licht – warm, golden, sanft? Ist es Tag oder Nacht? Wie weit reicht dein Blick?
Hören: Was hörst du? Vogelgesang, Meeresrauschen, knisterndes Feuer, Stille? Nimm die Klanglandschaft wahr.
Riechen: Was riechst du? Frische Bergluft, Salzwasser, Blumenduft, Holz, frisch gebackenes Brot?
Fühlen: Was berührst du? Weiches Gras unter den Füßen, warmen Sand, eine kuschelige Decke? Wie ist die Temperatur?
Schmecken: Gibt es einen Geschmack? Vielleicht salzige Meeresluft oder süße Beeren?
Je detaillierter du deinen Sicheren Ort erlebst, desto stärker wird die neurobiologische Reaktion. Nimm dir Zeit für die Sinne.
Schritt 4: Das Sicherheitsgefühl im Körper verorten
Richte die Aufmerksamkeit nun auf deinen Körper. Wo spürst du das Gefühl der Sicherheit? Im Brustbereich als Wärme? Im Bauch als Entspannung? In den Schultern als Weite? Benenne das Gefühl und den Ort im Körper. Verstärke es, indem du tief einatmest und das Gefühl „größer" werden lässt.
Schritt 5: Ankern
Jetzt kommt der entscheidende Schritt – die Verankerung:
Codewort wählen: Gib deinem Sicheren Ort einen Namen. Es kann ein einzelnes Wort sein („Lichtung", „Hafen", „Stille") oder eine kurze Formel („Mein sicherer Ort").
Körpergeste festlegen: Wähle eine Geste, die du unauffällig überall ausführen kannst. Zum Beispiel: Hand auf die Brust legen, Daumen und Zeigefinger zusammendrücken, Hand auf den Bauch legen.
Verknüpfen: Sage innerlich das Codewort, führe die Geste aus und spüre gleichzeitig das Sicherheitsgefühl im Körper. Wiederhole das drei Mal.
Durch die gleichzeitige Aktivierung von Sprache, Körper und Emotion entsteht eine konditionierte Verknüpfung – wie ein Knopf, den du jederzeit drücken kannst.
Schritt 6: Zurückkehren
Nimm dir Zeit für den Übergang. Spüre den Stuhl unter dir, die Füße auf dem Boden, die Geräusche im Raum. Öffne langsam die Augen. Orientiere dich im Raum und spüre nach, wie sich dein Körper jetzt anfühlt.
4. Die Verankerung vertiefen: Übungspraxis
Der Aufbau des Sicheren Ortes ist erst der Anfang. Die eigentliche Kraft entfaltet sich durch regelmäßige Praxis:
Woche 1-2: Tägliche Grundübung Übe einmal täglich die vollständige Übung (10-15 Minuten). Am besten zu einem festen Zeitpunkt – morgens nach dem Aufwachen oder abends vor dem Schlafen. Das Ziel ist, den Ort so vertraut zu machen, dass er sich wie ein zweites Zuhause anfühlt.
Woche 3-4: Schnellzugang trainieren Übe zusätzlich den Schnellzugang: Codewort + Geste + ein tiefer Atemzug. Teste das in verschiedenen Alltagssituationen – beim Warten an der Bushaltestelle, vor einem schwierigen Telefonat, in der Mittagspause. Das Ziel ist ein Zugang unter 30 Sekunden.
Ab Woche 5: Stresssituationen Setze den Schnellzugang bewusst in leicht stressigen Momenten ein. Nicht in Krisensituationen beginnen, sondern bei alltäglichem Stress: Stau, Wartezeit, kleine Ärgernisse. Erst wenn das zuverlässig klappt, in belastenderen Situationen nutzen.
In SchemaPath kannst du deine Übungspraxis mit dem Stabilisierungs-Modul dokumentieren – Häufigkeit, Qualität der Imagination und erlebte Wirkung. Diese Protokolle helfen dir und deiner Therapeutin, den Fortschritt zu verfolgen.
5. Varianten der Sicherer-Ort-Übung
Die Grundübung lässt sich vielfältig abwandeln. Hier sind bewährte Varianten:
Sicherer Ort mit innerem Helfer
Manche Menschen erleben mehr Sicherheit, wenn sie an ihrem Sicheren Ort nicht allein sind. Du kannst eine schützende Figur einladen – einen inneren Helfer:
- Eine weise Gestalt (z. B. ein weiser alter Mann, eine gütige Frau)
- Ein kraftvolles Tier (z. B. ein Löwe, ein Bär, ein Adler)
- Eine reale Person, die dir Sicherheit gibt (z. B. Großmutter, Freund:in)
- Eine Fantasiefigur (z. B. ein Schutzengel, ein Lichtwesen)
Der innere Helfer bleibt an deinem Sicheren Ort und wacht über ihn – auch wenn du nicht dort bist.
Sicherer Raum (statt Ort)
Manche Menschen fühlen sich in geschlossenen Räumen sicherer als in offenen Landschaften. Ein Sicherer Raum kann sein:
- Ein gemütliches Zimmer mit Kamin und weichen Kissen
- Eine Bibliothek voller warmer Lichter
- Eine Höhle, die nur du kennst
- Ein Baumhaus mit Aussichtsplattform
Sicherer Ort mit Schutzwall
Für Menschen, die besonders viel Schutzbedürfnis haben, kann der Ort mit einem Schutzwall versehen werden:
- Eine hohe Hecke, die nur du durchschreiten kannst
- Ein unsichtbares Kraftfeld
- Ein Wassergraben mit Zugbrücke
- Lichtwände, die Bedrohungen abschirmen
Beweglicher Sicherer Ort
Einige Patient:innen bevorzugen einen Sicheren Ort, der sich bewegt:
- Ein Segelboot auf einem ruhigen See
- Eine Wolke, die sanft über die Landschaft gleitet
- Ein Zug, der durch eine friedliche Landschaft fährt
6. Häufige Schwierigkeiten und Lösungen
Die Sicherer-Ort-Übung klingt einfach – aber in der Praxis begegnen viele Menschen Hindernissen. Hier sind die häufigsten Schwierigkeiten und wie du damit umgehen kannst:
„Ich kann mir nichts vorstellen"
Nicht alle Menschen sind stark visuell veranlagt. Wenn du Schwierigkeiten mit inneren Bildern hast, nutze andere Sinneskanäle: Stelle dir vor, wie sich der Ort anfühlt (Wärme, Weichheit), wie er klingt (Meeresrauschen, Stille) oder wie er riecht (frische Luft). Manche Menschen arbeiten besser mit einem Gegenstand als Anker – einem weichen Stein, einem Stück Stoff, einem Bild.
„Mein Sicherer Ort wird unsicher"
Es kann passieren, dass belastende Bilder in den Sicheren Ort eindringen – besonders bei starker Traumatisierung. In diesem Fall:
- Öffne sofort die Augen und orientiere dich im Raum
- Führe eine Erdungsübung durch (z. B. Füße fest auf den Boden drücken)
- Besprich das Erlebnis mit deiner Therapeutin
- Baue beim nächsten Mal einen stärkeren Schutz ein oder wähle einen anderen Ort
„Ich fühle nichts dabei"
Emotionale Taubheit (Numbing) ist eine häufige Traumafolge. Beginne nicht mit dem Gefühl, sondern mit den Sinnen: Was siehst du? Was hörst du? Gefühle werden mit der Zeit kommen. Erzwinge nichts.
„Ich werde dabei traurig"
Manchmal löst das Erleben von Sicherheit Trauer aus – Trauer darüber, dass diese Sicherheit im realen Leben gefehlt hat. Das ist eine gesunde Reaktion. Lass die Trauer zu, wenn sie kommt, und besprich sie in der Therapie. Sie zeigt, dass etwas Wichtiges berührt wurde.
„Mir fällt kein sicherer Ort ein"
Bei Menschen mit schwerer Vernachlässigung oder Missbrauch in der Kindheit gibt es manchmal keine Erinnerung an Sicherheit. In diesem Fall:
- Beginne mit einem einzelnen sicheren Element (eine Farbe, ein Licht, ein Geräusch)
- Baue den Ort Stück für Stück auf, über mehrere Sitzungen hinweg
- Nutze Inspirationsquellen: Bilder von Landschaften, Filmszenen, Bücher
- Erlaube dir, einen komplett fantasievollen Ort zu erschaffen
7. Der Innere Sichere Ort bei verschiedenen Altersgruppen
Die Übung kann für verschiedene Altersgruppen angepasst werden:
Kinder (6-12 Jahre)
Kinder haben oft eine lebendige Vorstellungskraft, was die Übung besonders wirksam macht. Anpassungen:
- Verwende eine kindgerechte Sprache: „Stelle dir deinen geheimen Zauberort vor"
- Lasse das Kind den Ort malen – das verstärkt die Imagination
- Integriere Fantasie-Elemente: fliegende Teppiche, sprechende Tiere, magische Schutzzauber
- Verwende ein Kuscheltier als Anker statt einer Geste
- Kürzere Übungsdauer (5-8 Minuten)
Jugendliche (13-17 Jahre)
Jugendliche brauchen oft eine rationale Erklärung, warum die Übung funktioniert:
- Erkläre die Neurobiologie: „Dein Gehirn kann nicht unterscheiden, ob du wirklich dort bist oder es dir vorstellst"
- Lasse Freiheit bei der Gestaltung – keine „kindischen" Vorgaben
- Digitale Unterstützung (z. B. über Apps wie SchemaPath) kann die Akzeptanz erhöhen
- Biete alternative Zugänge: Musik als Anker, ein Foto auf dem Handy als Erinnerungshilfe
Erwachsene
Die Standardübung wie oben beschrieben. Bei Erwachsenen mit hoher Rationalität kann anfangs Skepsis bestehen. Hier hilft:
- Wissenschaftliche Erklärung der Wirkung
- Verweis auf Spitzensport (mentales Training nutzt dieselben Mechanismen)
- Einladung zum Experiment: „Probiere es zwei Wochen und beobachte, was passiert"
Ältere Menschen
Bei älteren Menschen können Erinnerungen an sichere Orte aus der Vergangenheit besonders kraftvoll sein:
- Orte aus der Kindheit, an denen Sicherheit herrschte
- Erlebnisse in der Natur
- Längere Einleitungsphase mit körperlicher Entspannung
- Deutlicher sprechen und längere Pausen lassen, wenn die Übung angeleitet wird
8. Der Innere Sichere Ort in verschiedenen Therapieansätzen
Die Sicherer-Ort-Übung ist schulenübergreifend. Hier ein Überblick, wie verschiedene Ansätze sie einsetzen:
EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing)
In EMDR gehört der Sichere Ort zur Vorbereitungsphase (Phase 2). Er wird etabliert, bevor die Traumaverarbeitung mit Augenbewegungen beginnt. Zusätzlich wird er oft mit bilateraler Stimulation (langsame Augenbewegungen oder Tapping) kombiniert, was die Verankerung verstärkt.
PITT (Psychodynamisch-Imaginative Traumatherapie)
Luise Reddemann hat den Inneren Sicheren Ort als zentrales Element der PITT etabliert. In ihrem Ansatz wird der Ort besonders detailliert ausgearbeitet und um weitere Imaginationen ergänzt: Innere Helfer, der Tresor (zum „Wegschließen" belastender Bilder), der Innere Garten.
Schematherapie
In der Schematherapie wird der sichere innere Raum im Kontext der Nachbeelterung genutzt. Der Therapeut begleitet den verletzten Kindmodus an einen sicheren Ort und vermittelt dort die Erfahrung von Schutz und Fürsorge, die in der Kindheit gefehlt hat.
Verhaltenstherapie
In der KVT wird der Sichere Ort vor allem als Entspannungstechnik und zur Vorbereitung auf Expositionen eingesetzt. Er dient als Rückzugsraum, wenn die Exposition zu intensiv wird.
9. Den Sicheren Ort im Alltag nutzen: Praktische Tipps
Der Innere Sichere Ort entfaltet seine volle Kraft, wenn du ihn nicht nur in der Therapiesitzung nutzt, sondern in deinen Alltag integrierst.
Morgenritual: Beginne jeden Tag mit einer kurzen (2-3 Minuten) Sicherer-Ort-Übung. Das setzt einen Grundton von Sicherheit für den Tag.
Vor belastenden Situationen: Bevor du in ein schwieriges Gespräch gehst, eine Prüfung hast oder einen Arzttermin – nutze den Schnellzugang. 30 Sekunden reichen.
Nach einem Trigger: Wenn du getriggert wirst, nutze zuerst eine Erdungsübung (z. B. 5-4-3-2-1), um im Hier und Jetzt zu ankern. Danach besuche kurz deinen Sicheren Ort, um dich zu beruhigen.
Vor dem Einschlafen: Der Sichere Ort als Einschlafrituel kann Albträume reduzieren und die Schlafqualität verbessern.
In akuten Stressmomenten: Wenn Codewort und Geste gut eingeübt sind, kannst du sie unauffällig in jeder Situation nutzen – im Meeting, im Wartezimmer, in der Bahn.
Dein Sicherer Ort ist immer bei dir. Du trägst ihn in dir – und niemand kann ihn dir nehmen.
10. Den Fortschritt dokumentieren
Wie bei jeder Übung ist es wertvoll, den Fortschritt zu dokumentieren. Das hilft dir, Veränderungen wahrzunehmen, die im Alltag leicht untergehen.
Frage dich nach jeder Übung:
- Wie schnell konnte ich den Ort aufrufen? (1 = schwer, 10 = sofort)
- Wie intensiv war das Sicherheitsgefühl? (1 = kaum, 10 = sehr stark)
- Gab es Störungen oder belastende Bilder?
- Wie fühle ich mich nach der Übung im Vergleich zu vorher?
SchemaPath bietet im Stabilisierungs-Modul eine integrierte Protokollfunktion, mit der du diese Parameter nach jeder Übung festhalten kannst. Über Wochen und Monate entsteht so ein sichtbarer Fortschrittsverlauf – motivierend für dich und informativ für deine Therapeutin.
11. Therapeutische Hinweise: Was Therapeut:innen beachten sollten
Für Therapeut:innen einige wichtige Hinweise zur Anleitung:
Sprache: Verwende eine ruhige, langsame Stimme mit Pausen. Nutze Einladungen, keine Anweisungen: „Vielleicht möchtest du dir vorstellen..." statt „Stelle dir jetzt vor..."
Tempo: Lass ausreichend Zeit. Die häufigste Fehlerquelle ist zu schnelles Anleiten. Pausen von 10-15 Sekunden zwischen den Schritten sind normal.
Individualisierung: Nicht jeder Patient braucht denselben Ort. Manche Menschen finden Sicherheit in der Natur, andere in geschlossenen Räumen. Lasse die Wahl offen.
Kontraindikationen beachten:
- Bei schwerer Dissoziation: Nur mit offenen Augen und in kurzen Einheiten
- Bei aktiver Psychose: Nicht geeignet (Gefahr der Vermischung von Imagination und Realität)
- Bei schwerer Depression mit Anhedonie: Eventuell zunächst sensorisch arbeiten statt imaginativ
Scheitern normalisieren: Wenn die Übung nicht sofort gelingt, ist das kein Versagen. Es ist Information. Nutze sie therapeutisch.
12. Zusammenfassung: Dein innerer Zufluchtsort wartet
Der Innere Sichere Ort ist weit mehr als eine einfache Entspannungsübung. Er ist ein neurobiologisch wirksames Werkzeug, das dir hilft, emotionale Sicherheit aufzubauen – unabhängig von äußeren Umständen.
Die wichtigsten Punkte auf einen Blick:
- Der Sichere Ort ist ein imaginierter Zufluchtsraum, der durch regelmäßige Praxis zu einem jederzeit abrufbaren Anker wird
- Neurobiologisch aktiviert die Imagination dieselben Beruhigungsmechanismen wie reale Sicherheit
- Fünf Sinne machen den Ort lebendig: Sehen, Hören, Riechen, Fühlen, Schmecken
- Verankerung durch Codewort und Körpergeste ermöglicht schnellen Zugang (unter 30 Sekunden)
- Regelmäßiges Üben ist entscheidend – tägliche Praxis über Wochen macht den Unterschied
- Varianten (Innerer Helfer, Schutzwall, Sicherer Raum) passen die Übung an individuelle Bedürfnisse an
- Schwierigkeiten sind normal und kein Zeichen des Scheiterns – sie gehören zum Prozess
Ob du Therapeut:in oder Patient:in bist: Der Innere Sichere Ort ist eine Investition, die sich auszahlt. Jeden Tag ein bisschen mehr. Denn Sicherheit ist kein Zustand, den man findet – sondern einer, den man aufbaut.
